Geistliches Wort: Wie die Welt wirklich ist

Ein amerikanisches Märchen erzählt von der zunächst heilen und glücklichen Welt bei den „Kleinen Leuten von Wippidu“. Der Schlüssel für dieses Glück liegt in einem Brauch, der von allen Wippidulern gepflegt wird: Man beschenkt sich bei jeder Gelegenheit gegenseitig mit kleinen, weichen, warmen Pelzchen – Zeichen echter, herzlicher Liebe füreinander. Das ändert sich, als ein großer grüner Kobold in das Dorf kommt, um den Wippidulern zu zeigen, „wie die Welt wirklich ist“: die Pelzchen würden ihnen eines Tages ausgehen, so sagt er, wenn sie sie weiter so sorglos verschenkten.

Plötzlich ist alles Glück aus dem Dorf Wippidu verschwunden. Die kleinen Leute verstecken ihre Pelzchen, man beobachtet sich gegenseitig misstrauisch und ist nur noch auf den eigenen Vorteil bedacht. – Die kalten, spitzen Steine, die der Kobold schließlich herbeischleppt und als neues Tauschmittel ausgibt, können das alte Glück nicht mehr zurückholen: Aus Mangel an echter Liebe werden viele der kleinen Wippiduler krank an Leib und Seele.

„Die Welt, wie sie wirklich ist“ – ist sie denn so, unsere Welt? Bestimmt von Eigennutz, Gewinnsucht, Egoismus? Liebe nur noch als starre, kalte, stachelige Höflichkeit, nicht mehr warm und von Herzen kommend?

Vielleicht stimmt die Analyse ja – aber geholfen ist damit niemand. Muss man sich also abfinden mit der „Welt, wie sie wirklich ist“?

Das Weihnachtsevangelium lautet: Gott hat sich nicht abgefunden mit einer solchen Welt und deshalb müssen wir es auch nicht. Gott hat sich mit seiner Liebe eingemischt in eine Welt, die an ihrer Lieblosigkeit krankt. In Jesus von Nazareth, dem Kind in der Krippe, dem Mann am Kreuz, hat er ihr das geschenkt, wonach sich im tiefsten jedes Menschenherz sehnt: bedingungslos angenommen und geliebt zu werden.

Wer die Welt also sehen will, „wie sie wirklich ist“, muss sie so sehen, wie sie seit der ersten Weihnacht ist: Sie ist anders geworden, und deshalb können wir es auch werden. Mit guten Wünschen für die kommenden Advents– und Weihnachtstage grüßt Sie herzlich Ihr

Pfarrer Rainer Hess