Geistliches Wort zum Advent

Wegen fortschreiten der geistiger Verwirrung muss eine Frau um die sechzig im Heim untergebracht werden. Es ist eben das Heim, in dem ihr Sohn als Pfleger arbeitet. Täglich begegnet er seiner Mutter, aber sie erkennt ihn nicht, so sehr er sich auch um sie müht. Höflich und distanziert behandelt sie ihn wie einen Fremden.

Es ist eigenartig mit der Frau. Sie ist nicht immer verwirrt, manche Dinge macht sie auch ausgesprochen ordentlich und sorgsam, ihre Haare zum Beispiel. Und sie hat alle Geburtstage aus der Verwandtschaft im Kopf. Nur ihre eigenen Leute sind ihr fremd geworden; sie erkennt sie nicht, obwohl sie doch alle Geburtstage irgendwie feiert.

Besonders schlimm war das beim letzten Geburtstag ihres Sohnes. Gleich morgens ist er zu seiner Mutter hereingekommen und hat sie begrüßt. Aber sie hat ihn gar nicht beachtet; saß ganz versunken an ihrem kleinen Tisch und hat alte Fotos angestarrt, Babyfotos, von ihrem Sohn. Eine ganze Galerie solcher Bilder hatte sie vor sich aufgebaut, eine Kerze angezündet. Und dann feierte sie den Geburtstag ihres Sohnes, lächelte dem Kind auf den Fotos zu, sprach mit ihm, wie man mit Babys spricht, und sang ihm Lieder. Und er, der junge Mann, stand dabei an seinem Geburtstag, und sie erkannte ihn nicht ...

In einem Buch mit Weihnachtsgeschichten habe ich diese kurze Erzählung einmal gelesen. Ist es eine Weihnachtsgeschichte? Ich fürchte: ja. So geht es dem Jesuskind in der Krippe. Es rührt einen, löst freundliche Gefühle aus, es wird besungen und verhätschelt, aber es darf nicht erwachsen werden. Denn der erwachsene Jesus ist unbequem. Mit Kerzenschein und einem warmen Gefühlsgemisch zur Weihnachtszeit wäre es bei ihmIn einem Buch mit Weihnachtsgeschichten habe ich diese kurze Erzählung einmal gelesen. Ist es eine Weihnachtsgeschichte? Ich fürchte: ja. So geht es dem Jesuskind in der Krippe. Es rührt einen, löst freundliche Gefühle aus, es wird besungen und verhätschelt, aber es darf nicht erwachsen werden. Denn der erwachsene Jesus ist unbequem. Mit Kerzenschein und einem warmen Gefühlsgemisch zur Weihnachtszeit wäre es bei ihm nicht getan. Man müsste ihm erlauben, sich einzumischen, im Alltag, da, wo das Leben gelebt wird. Und dann würde es wohl Veränderungen geben, vielleicht Veränderungen, die weh tun. Also hält man sich lieber an das Krippenkind. Das ist verfügbar, stellt keine Ansprüche – und man kann es, zusammen mit dem Weihnachtsbaum, wieder wegräumen, wenn die warme Stimmung verflogen ist.

Es war Weihnachten. Sie feierten seinen Geburtstag und freuten sich alle an dem Kind. Und er stand daneben an seinem Geburtstag, und sie erkannten ihn nicht ...

Dass wir den lebendigen Christus erkennen, in den kommenden Advents- und Weihnachtstagen und in unserem Alltag, wünscht sich und Ihnen

Ihr Pfarrer Rainer Hess